Die Digitale

Eine Geschichte des 21. Jahrhunderts

Wir stehen vor den spannendsten vierzig Jahren der Menschheitsgeschichte.

Die Erdbevölkerung ist ein hoch-dimensionales System. Verschiebt sich ein grundlegender Parameter, richtet sich das System komplett neu aus. Zuletzt geschah dies vor zweihundert Jahren, mit dem Beginn der Industrialisierung. Die Digitalisierung konstituiert nun einen weiteren zivilisatorischen Umbruch. Von Kapitalismus bis Nationalstaat, keines der Konzepte des 19. Jahrhunderts wird die Digitalisierung überleben.

Der digitale Umbruch lässt sich verstehen.

Sämtliche Konzepte des 19. Jahrhunderts basieren auf zwei Annahmen. Erstens ist Kommunikation schwierig, langsam und geographisch begrenzt. Zweitens können Daten lediglich in winzigen Mengen ausgewertet werden. Mit der Digitalisierung entfallen diese Prämissen. Die Folgen lassen sich nun für jeden gesellschaftlichen Teilbereich durch-deklinieren. Gerade weil sich der Wandel so logisch herleiten lässt, erscheint er umso brutaler. Wenn man die Kausalketten nur logisch durchdenkt, entsteht eine Welt, die dem Jahr 2019 in gar nichts gleicht.

Keine der heutigen Institutionen wird die nächsten vierzig Jahre überleben.

Politik

Das politische Spektrum entstand im 19. Jahrhundert, entlang der Interessen einer sich industrialisierenden Welt. Angesichts des 21. Jahrhunderts kollabiert es. Keine der existierenden Parteien adressiert Digitalisierung auch nur annähernd angemessen. Der politische Graben verläuft zwischen analogen Verteidigern und digitalen Reformern. Parallel ändern sich politische Akteure, Formate und Mechaniken. Globale Machtapparate, wie Google und Facebook, ersetzen Nationalstaaten. Gleichzeitig organisieren sich Konsumenten und Aktivisten in horizontalen Schwärmen. Alte Denk- und Handlungsmister bedürfen dringend Ersatz.

Wirtschaft

Der bisherige Mix aus Bürokratie und Kapitalismus versagt zunehmend. Bürokratie scheitert an der Komplexität der Welt. Kapitalismus hingegen kann mit den Effizienzgewinnen einer Digitalisierung nicht umgehen. In einer Welt ohne Mangel an Kapital oder Produktionsmitteln muss er bereits heute künstlich beatmet werden; angesichts grenzkostenfreier Dienstleistungen versagt er gänzlich. Parallel unterliegt die Wirtschaft einem radikalen Strukturwandel. Alte Wertschöpfungsketten brechen auf. Unternehmen erodieren, ihre Assets gehen in einem globalen Netz auf. Digitalisierung bietet völlig neue Konstrukte zur Orchestrierung menschlichen Verhaltens, weit jenseits unserer analogen Vorstellung.

Gewalt

Ein zivilisatorischer Umbruch erzeugt zwangsweise Reibungsverluste. Die bisherigen Imperien kollabieren, und dies nie geräuschlos. Sämtliche Konflikte des 19. Jahrhunderts brechen wieder auf. Der Balkan, der mittlere Osten, die Krim, und nicht zuletzt der Amerikanische Bürgerkrieg. Der gesellschaftliche Wandel erzeugt Verunsicherung und Identitätsverlust. Diese Spannungen entladen sich in Gewalt, jedoch nicht in den großen Kriegen des 19. Jahrhunderts. Stattdessen wirkt Gewalt nun dezentral, terroristisch, finanziell, global, technologisch, und unterschwellig. Die entstehende Landschaft erfordert völlig neue Denk- und Handlungsmuster.

Kultur

Kulturen reflektieren die ökonomischen aber vor allem auch die strukturellen Gegebenheiten ihrer Zeit. Sämtliche heutigen Erzählformen und Themen entspringen einer Reaktion auf Bürokratie und Industrialisierung. Romane über Detektive, Vampire, Roboter und die Natur. Ängste, Identitäten und Hoffnungen einer dezentralen Digitalisierung sind jedoch völlig anders gelagert als vor zweihundert Jahren. Die gesellschaftlichen Bewältigungsstrategien finden ihren Ausdruck in neuen Narrativen, Themen und Formen. Selbst Theologie, Ethik und Therapie werden sich Bahnen brechen, die wir uns bislang nicht hätten vorstellen können.

Einzig die Digitalisierung führt aus der Polykrise.

Ein halbes dutzend Krisen konfrontiert die Menschheit. Klimawandel, Flüchtlinge, Demographischer Wandel, und instabile Finanzsysteme. Für keines dieser Themen zeichnet sich eine Lösung ab, sie sind systemimmanent. Wenn Kapitalismus und Bürokratie diese Probleme adressieren könnten, wären sie nie entstanden. Die Lösung liegt zwangsweise in neuen Handlungsräumen. Digitalisierung eröffnet tatsächlich für jede der obigen Krisen die notwendigen Lösungsmöglichkeiten. Wenn sich die Menschheit rettet, dann in einem Schritt nach vorne.

Entweder Europa unterzieht sich noch einmal dieser Transformation, oder es wird zum Osmanischen Reich des 21. Jahrhunderts.

Im 19. Jahrhundert konnten sich einige Nationen durchsetzen. Holland und Großbritannien gewährten früh bürgerliche Freiheiten. Frankreich verdankt seinen Schritt in die Moderne der Revolution und Napoleon. Deutschland erlangt seine Innovationsfähigkeit Dank Friedrich des Großen, Napoleons, und den preußischen Reformern. Japan unterzieht sich der Meji-Restauration. Die USA befreien sich von Großbritannien, und etablieren direkt das neue Betriebssystem aus Kapitalismus, Bürokratie und Demokratie. Doch es gibt auch Verlierer. China erholt sich erst heute von den verpassten Chancen des 19. Jahrhunderts. Vom Osmanischen Reich bleibt die heutige Resttürkei. Große Teile der Welt werden kolonialisiert, mit Folgen bis heute. Im 21. Jahrhundert muss Europa aktiv digitalisieren, oder es wird kolonialisiert.